Neue Kunst in und um die Kirche

In unserer Kirche ist auch neue Kunst zu sehen.
 
Entdecken Sie die Auseinandersetzung mit unserer christlichen Spiritualität und Tradition in der Kunstsprache von heute.

Max G. Bailly: Kreuz

Max Bailly Kreuz

Gewalt und ihre Überwindung. In der alten Nische des Tabernakels ist die Erinnerung an Jesus Christus hier in besonderer Weise gegenwärtig.

In der Sakramentsnische, dem alten Tabernakel im Chorraum, findet sich eine Kreuzesmeditation von Max G. Bailly,  Unterensingen. Sie wurde vom Treffpunkt Frau 2002 der Kirche gestiftet.

Angebrannte, verkohlte Holzscheite bilden das Kreuz. Der senkrechte Kreuzbalken  liegt auf einem Stein auf. Kreuzigung, Scheiterhaufen, Steinigung - dieses Kreuz  auf blutrotem Grund ist ein ausdrucksstarkes Symbol menschlicher Gewalt.

 

Der Stein erinnert an die Geschichte von der Sünderin, die, auf frischer Tat ertappt, Jesus vorgeführt wird: Was sollen wir tun? Alle erwarten den Vollzug des Gesetzes: Steinigung. Jesus aber schweigt. Endlich redet er: "Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie." Keiner wirft. Alle verlassen den Platz, die Ältesten zuerst. Und Jesus vergibt der Frau. Doch kurz darauf fällt der Beschluss, Jesus zu kreuzigen (Johannesevangelium, Kapitel 8).

Das Baillysche Kreuz zeugt von Trauer und von der Hoffnung, dass mit dem Kreuz von Golgatha Gewalt ein für allemal  überwunden ist. Weil keiner mehr den ersten Stein wirft. Weil keine Kreuze mehr aufgerichtet werden und keine Scheiterhauften aufgeschichtet.

 

Eine würdige und zugleich provozierende Gestaltung des alten Tabernakels, das in katholischer Tradition der Ort der leiblichen Gegenwart Jesu Christi ist.

Stephan Klenner-Otto: Kreuzigung

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Stephan Klenner-Otto verlegt die Kreuzigung ins Neuffener Tal. Das Farbspiel mit den Reflektionen des Kirchenfensters ist gewollt.

 

An der nördlichen Chorwand, gleichsam als weiteres Chor-Fenster, befindet sich seit 1999 ein großformatiges, fast drei Meter hohes Bild. Es stellt die Kreuzigung dar, geschaffen und der Kirchengemeinde Linsenhofen gestiftet von Stephan Klenner-Otto, der lange Zeit mit seiner Familie in Linsenhofen gewohnt hat.

 

Als Hinführung zum Bild drucken wir im folgenden die Rede ab, die Peter Bachert, Kunsthistoriker, als Freund des Künstlers und als damaliger ehrenamtlicher Mitarbeiter der Kirchengemeinde zur Einweihung gehalten hat:

 

 

Sehr geehrte Besucher des Festgottesdienstes,

es ist mir eine Ehre und eine große Freude, an dieser Stelle einige erläuternde Gedanken zum Werk und zum Künstler anbringen zu dürfen.

 

Es gibt Momente im Leben, in denen man das Gefühl hat, von einem Eindruck erschlagen zu werden. Für mich gab es am vergangenen Freitagabend einen solchen Moment, als ich das erste Mal vor diesem Bild stand.

 

Wenn man die Werke eines Künstlers und seine Entwicklung seit mehreren Jahren kennen gelernt hat, glaubt man irgendwann, seinen Stil leicht beschreiben zu können. Und doch wird man plötzlich beim Betrachten eines neuen Werkes, eines reifen Werkes, das zudem eine andere Ausdrucksfacette des Künstlers offenbart, überrascht und erst einmal sprachlos.

 

Eine Bildbetrachtung im eigentlichen Sinne verbietet sich da. Und sie wäre auch nicht in Deinem Sinne, lieber Stephan. Um mir Deine Freundschaft nicht aufs Spiel zu setzen, möchte ich nur einige Aspekte des Bildes kurz anreißen.

Die „Kreuzigung“ von Stephan Klenner-Otto - das Gemälde wohlgemerkt - steht als Leitmotiv unseres christlichen Glaubens in einer jahrhundertlangen Tradition von gleichnamigen Abbildungen. Nahezu jeder Künstler, ob berühmt oder unbekannt, hat sich mit diesem Thema künstlerisch auseinandergesetzt. Wenngleich Kreuzesdarstellungen gerade in unserm Jahrhundert selten sind.

 

In den Hintergründen dieser Bilder finden sich häufig die heimatlichen Landschaften der Kunstschaffenden wieder. So auch in diesem Werk. Wir blicken von einer Anhöhe hinab, dem Berg Golgatha - nicht auf Jerusalem - sondern ins Neuffener Tal, sehen nach Linsenhofen hinein, erkennbar an der Georgskirche und der sich dahinter erhebenden Wand des Albtraufs mit dem Hohenneuffen. Demnach stehen wir nicht auf Golgatha, sondern eher auf dem Eichenfirst.

 

Den Betrachterstandpunkt und gleichzeitig das formale Zentrum des Bildes hat der Künstler auf den Nabel des Gekreuzigten gelegt. Eine Frage drängt sich hier auf: Linsenhofen als Nabel der Welt? Für uns sicherlich, da wir hier unsere Heimat haben oder gefunden haben. Aber eine weiterführende Interpretation möge jeder Betrachter nachher für sich selbst finden.

 

Das Werk unterscheidet sich augenscheinlich ganz frappierend von den möglichst realistisch gehaltenen Darstellungen von Künstlern vergangener Epochen. Es ist nicht im Hinblick auf naturgetreue Ansicht angelegt, sondern überaus expressiv in der Wiedergabe und darin vergleichbar mit Bildern der expressionistischen Künstlergruppe „Die Brücke“.

 

Die Einzelformen sind in ihren Schwüngen stark überzeichnet, ruhige Flächen kontrastieren mit fallenden Linien und zerklüfteten Oberflächen. Beispielhaft weise ich hier auf den krassen Gegensatz des friedlich wirkenden Antlitzes Jesu zum gepeinigten und aufgerissenen Körper hin.

 

Als besonderen Ausdruck innerer Zerrissenheit hat Klenner-Otto dem Schächer zur Linken Jesu einen dritten Arm mitgegeben, den „siebten Arm“, der über dem Haupt Jesu nach Hilfe zu flehen scheint, während der eigentliche rechte Arm abwehrend zurückgeht und den Spott im maskenhaften Gesicht unterstreicht. Der andere Schächer bringt mit der Umfassung des Hauptes Jesu mit seiner Linken seine innige Verbundenheit zum Ausdruck.

 

Eine weitere Verbindung im Bildaufbau schafft der expressiv geschwungene Kirchturm, der als Bindeglied von Kreuzigungsgruppe im Vordergrund mit der Hintergrunddarstellung von Flecken und Landschaft fungiert.

 

Die Farbpalette ist abgestimmt auf die Farben des zentralen Chorfensters und so ergibt sich eine absolute Harmonie der beiden sonst so unterschiedlichen Bildwerke. Das Kreuzigungsmotiv ergänzt die Thematik des Glasfensters. Es ordnet sich ein zwischen die dortige Ölbergszene und die Kreuzabnahme.

 

Obwohl nur punktuell eingesetzt in den Tüchern der Gekreuzigten und den Dächern der Kirche, sticht die Farbe Rot als Symbolfarbe für Schmerz und Leiden aus den flächenmäßig dominierenden Blau- und Grüntönen heraus.

 

Reine Blautöne sowie Purpur, traditionell die Farben des Himmels bzw. der Könige, erscheinen im unteren Bildrand in den beiden Figuren der Maria und Maria Magdalena und in der Entsprechung im Himmel des oberen Bildrands. Vorwiegend Grüntöne jeglicher Couleur dominieren den Landschaftshintergrund und symbolisieren die Hoffnung und das fruchtbare Gedeihen der Natur.

 

Die hiesige Landschaft mit all ihren Facetten hat Klenner-Otto ausgiebig erkundet, als er von 1982 bis 1996 mit Frau Ingrid und Sohn Markus hier unter uns gelebt und gewirkt hatte. Viele Täles- und Alblandschaften in den Bildern dieser Zeit zeugen von einer Identifizierung und tiefen inneren Verbundenheit mit unserer Gegend. Wir erinnern uns noch an seine Ausstellung drüben im Gemeindehaus, als er in der Zeit der Außenrenovierung der Georgskirche auf diese Weise seinen persönlichen Beitrag zum Gelingen dieser Maßnahme geleistet hat.

 

Seitdem er im September 1996 mit Familie in die fränkische Heimat um Kulmbach zurückkehrte, hat er sich durch regelmäßige Besuche in Linsenhofen seine Verwurzelungen erhalten. Vorläufig letzter Ausdruck der Verbundenheit mit den Menschen hier ist die Schenkung dieses Altarbilds. Damit, lieber Stefan, ist Dir ein großer Wurf gelungen, für mich ein Meisterwerk.

 

Es ist ein Werk, das nicht glatt und gefällig wirkt, sondern von einer großen Vielschichtigkeit zeugt und darin das Wesen des Künstlers zum Ausdruck bringt. Es fordert den Betrachter, fordert und zwingt ihn zu einer intensiven Zwiesprache und vermittelt dem, der sich darauf einlässt, eine tiefe Erfahrung seiner eigenen Gedanken und Gefühle, seien es solche zur eigenen Einstellung zu Gott und dem Leben an sich oder vielleicht die Überlegung: Wie gehe ich selbst mit meinen Mitmenschen um?

 

Zum Abschluss darf ich der Kirchengemeinde und uns allen zu diesem außergewöhnlichen Kunstwerk herzlich gratulieren, das unsere Georgskirche enorm bereichern wird.

 

 

Übrigens wurde der Goldrahmen hergestellt von der Vergolderin und Bundespreisträgerin Claudia Bachofer, Linsenhofen, und gestiftet vom Verein für Obstbau, Garten und Landschaft Linsenhofen.

 

 

Kurtfritz Handel: Sankt Martin / Brot und Salz

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Kurtfritz Handel: Brot und Salz. Ausdrucksstark ist auch das Spiel der Schatten vor der weißen, gekalkten Kirchenwand.

Zwei Leihgaben von Kurtfritz Handel sind zur Zeit im Chor und vor der Kirche zu sehen. Kurtfritz Handel, gebürtiger Siebenbürger, hat sein Atelier nicht weit von der Kirche, in der Neuffener Straße 27. Sehenswert ist dort auch sein Skulpturengarten.

 

Brot und Salz:

Vor der Kirche (Südseite) findet sich Handels vielsagende, große Skulptur Brot und Salz

 

Brot und Salz sind in unserer Tradition lebensnotwendige Grundnahrungsmittel. Sie symbolisieren das, was ein Mensch zum Leben wirklich braucht, das tägliche Brot genauso, wie das früher sehr wertvolle Salz, das ja nicht nur würzt, sondern für den Körper unentbehrlich ist. Und zudem konserviert es, weshalb der "Salzbund" in der Bibel ein ewiger, unverbrüchlicher Bund ist (4. Mose 18,19).

 

Handel interpretiert die Brot- und Salzgabe, die in vielen Kulturen verbreitet ist, als Willkommensgruß an Fremde, als ein öffnendes Zeichen von Gemeinschaft, Wohlergehen und dauerhaftem Frieden. Denn das Brot reichen die vielen offenen Hände, und damit bieten sie Frieden an. Ein Ballett von Händen gleichsam umspielt Brot und Salz, schenkend, segnend, freigebig. Nicht zufällig sind die Finger geöffnet, dass der Segen fließen kann.

 

"Nimm und iss!" ist der Gestus der ganzen Skulptur. Und damit macht sie gerade vor einer Kirche Sinn. "Nimm und iss!" spricht Jesus beim Abendmahl. Und an anderer Stelle: "Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen" (Johannesevangelium, Kapitel 6).

 

Zu seinen Anhängern sagt Jesus in der Bergpredigt: "Ihr seid das Salz der Welt." Nämlich als die, die Gerechtigkeit suchen, sanftmütig sind, Frieden stiften und barmherzig sind (siehe Matthäusevangelium, Kapitel 5 bis 7).

 

Schön, wenn Brot und Salz den Besucher unserer Kirche nun so eindrücklich, ja geradezu herzlich willkommen heißen.

 

Ursprünglich lag inmitten des offenen Brotes ein großes Stück Salz, das inzwischen vegangen ist, aber durch die Poren der Bronze noch immer hindurchbricht. Das war laut Handel nicht gewollt, ist aber jetzt ein schöner Ausdruck für die Beständigkeit des Friedensangebots.

 

 

 

 

 

 

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Sankt Martin zerreißt den Mantel und schaut sich ins Herz. Eine sehr persönliche Deutung der berühmten Geschichte der Mantelteilung.

Sankt Martin:

Die Bronzeskulptur im Chor der Kirche (Südostecke) stellt eine aparte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Mantelteilung des Heiligen Martin dar. Denn Martin trennt seinen Mantel für den frierenden Bettler vor dem Stadttor von Amiens - und schaut in sich hinein, in sein Innerstes. Er öffnet sein Herz nicht nur für den Armen, sondern auch für den eigenen Blick nach Innen.

 

Handel reflektiert mit dieser introvertierten, suchenden Geste eigene biographische Erfahrungen des Fremdseins. Wer bin ich? Und wo bin ich wirklich ich?

 

In der Martinlegende sieht der Heilige im Traum Christus, der ihm die Geschichte am Stadttor erschließt: auch dort findet die äußere Handlung der Hilfe für den frierenden Bettler ein inneres, inniges Spiegelbild im eigenen Herzen des Martin, und es führt Martin zu seinem wahren Ich. Die offene Zuwendung zum Du erschließt das Ich.

 

In der Hand hält Martin bereits den Bischofsstab mit dem Kreuz. Es ist die Vorwegnahme seiner späteren Bischofswahl durch das Volk. Auch diese Geschichte zeigt im Übrigen einen selbstzweifelnden, introvertierten Martin, der aber gerade aufgrund seiner Demut für das Volk ein guter Bischof ist.

 

Eindrucksvoll füllt die gar nicht so große Figur den leeren Chorraum und spricht den Betrachter unmittelbar an, in fast zärtlicher meditativer Weise.